Archiv der Kategorie 'Eigene Texte und Redebeiträge'

lookism, beauty standards, womyn: Ansätze eines anderen Umgangs

Frauen wollen sich mit/ in ihrem Körper wohl fühlen! Das jedoch ist extrem schwer bei all der vielfachen Erzeugung von Druck durch die Medien, schlank, jung und schön zu sein – oder wertlos.
Das Sprechen über Attraktivität, das Nachbilden von Attraktivität in der Kunst greift diese Wertvorstellungen auf. Auch das Komplimente machen gegenüber einer Frau, die als attraktiv gelesen wird, greift darauf zurück: Du hast Wert, du bist (liebens)Wert. Attraktivität existiert nur in Zusammenhang mit dem Gegenteil, dem Hass-lich-sein.

Das Kompliment an sich verdeutlicht aber mehr: das Recht, zumeist von Männern, über den Körper der Frau zu sprechen, ihn einzuordnen, zu bewerten und im Sprechakt dieses Recht zu reproduzieren. Diese Sprechsituationen stehen häufig am Anfang einer Begegnung und verdeutlichen damit zudem, dass der Sprechende sein Begehren an dem Körper äußert. Sein haben-wollen der Attraktivität, um es zu seinem Attribut zu machen: er integriert sie als Objekt der Dekoration in seinen Privatraum.
Ein Attribut, gemeint als Informationsträger, bezeugt die Fähigkeit, eine „schöne“ zu „kriegen“ und definiert hierin den Stellenwert des Mannes. Es sollte klar werden, dass eine Frau so ihrer Subjektivität beraubt wird und welches Motiv hinter dem Begehren nach einer schönen Frau steckt. Lookism ist entsprechend als ein weiterer Eingriff in die Autonomie der Frau zu verstehen.

Zurück zum Körper: Der Körper ist das Zuhause einer Person! Eine Frau lebt jeden Tag in ihrem Körper, erlebt Emotionen durch ihn, hat Ideen in ihm, macht Witze mit und über ihn. Ihr Körper ist ihre Persönlichkeit und er gehört vollständig ihr. Er ist das Geschenk dafür, geboren worden zu sein. So wie dein Körper dein Geschenk dafür ist. Und Menschen entscheiden selbst, wann sie dieses Geschenk teilen möchten!

Das vor allem Frauen sich in ihrem Körpern unwohl fühlen hat seine Ursache in den jährlich ausgegeben Unsummen, um sie daran zu erinnern, häßlich zu sein und durch ihre Häßlichkeit sie fundamental nicht-liebenswürdig zu sein.
Das deutsche Wort „häßlich“ verdeutlicht diese Tatsache unmissverständlich. Es birgt in sich die Verschmelzung von Sprechakt und physikalischer Realität. Als häßlich gelesene Menschen dürfen gehasst werden und erleben dies auch. Nicht als Ausnahme, sondern als Alltag, also all-täglich.

Also, denk nach, bevor du Körper malst, bevor du Körper – ob durch Komplimente oder Abwertung definierst. Und nein, es ist nicht schlimm, schön zu sein, es ist schlimm, schön sein zu müssen! Es ist schlimm, in schön und unschön zu unterscheiden! Leben ist schön und Leben ist verkörpert und körperlich!

Weiteres zum Thema Lookismus

Für einen anarchistischen Anarchismus – Zur Kritik an Pazifismus und Basisdemokratie

Pazifismus. Dieses Wort fällt auffällig oft im anarchistischen Diskus. Ja, auch wir träumen von einer Welt ohne Gewalt und Herrschaft, von einer Welt in der jedes Individuum verinnerlichte Unterdrückungsmechanismen verlernt hat, in der es keine Notwendigkeit mehr gibt für körperliche Gewalt in Auseinandersetzungen, in der auch psychische, verbale, emotionale Gewalt der Vergangenheit angehören.

„Die Linke hat unbewusst als Hauptaufgabe Widerstand harmlos zu machen. Staaten haben verstanden, dass Widerstand und Kämpfe niemals verschwinden werden. In der Vergangenheit wurde versucht, Kämpfe zu unterdrücken, sobald sie entstanden, doch dies erwies sich als ineffizient. Heute herrschen Staaten indem sie die Unvermeidbarkeit von Konflikt und Widerstand akzeptieren und anstatt dessen versuchen ihn zu managen, permanent zu regulieren. Soziale Bewegungen in Nordamerika versteifen sich auf die von mittelschichts-Reformist*innen auferlegte Doktrin, Bewegungen kontrollieren und ihre Entwicklung diktieren zu wollen“- Peter Gelderloos und Aric McBay (sinngemäß übersetzt)

Pazifismus ist staatserhaltend.

Nur durch die gleichzeitige Existenz „gewaltfreier“ und militanter Aktionen kann dem Staat gegenüber ein Drohpotential aufgebaut werden. Wird sich unsolidarisch von militanten Aktionen distanziert und im (meist legalen) pazifistischen Rahmen gehandelt, so spielt das in die Hände der staatlichen Logik. Bei pazifistischen Protestaktionen dürfen Menschen ihrer Kritik freien lauf lassen, ihre Wut loswerden, ein gutes Gewissen herbeidemonstrieren. Widerstandshandlungen wird somit vorgebeugt, da mensch ja das Gefühl hat, durch den Protest etwas geändert zu haben. Fühlen Menschen sich beim Protestieren fälschlicherweise von der Regierung gehört, so wird sie dies daran hindern, radikalere Mittel zu ergreifen, die Staat und Kapital wesentlich härter treffen. So schaffen es die Repressionsbehörden, politisch Aktive psychologisch zu steuern. Weder Ghandi noch Martin Luther King hätten eine Verhandlungsposition einnehmen können, wären nicht gleichzeitig militante Bewegungen aktiv gewesen.
Ghandi – DAS Idol des weißen Pazifismus – war Abtreibungsgegner, hat junge Frauen und minderjährige Mädchen misshandelt, Vergewaltigten die Schuld für die Tat gegeben und ihre Ermordung als Erlösung propagiert, sowie anti-Schwarzen Rassismus und Antisemitismus verbreitet. Hauptsache den Kolonialherren gegenüber gewaltfrei sein? Auch Pazifismus ist vor Doppelmoral nicht sicher.

Die Kritik richtet sich nicht an friedliche Proteste, eine Vielfalt von Taktiken ist immer sinnvoll. Das Problem ist, dass sich Pazifist*innen von radikaleren und militanteren Aktionen distanzieren. Es ist falsch anzunehmen, dass Menschen denen einfache Demonstrationen nicht ausreichen, nicht durchdacht hätten, was sie tun. Was ist Gewalt? Gewalt sind Eigentum, Arbeitszwang, soziale Normen, Gesetze, strukturelle Diskriminierungsverhältnisse. Eine kaputte Ladenscheibe, brennende Firmenwagen, ein Flaschenwurf in die Polizeikette, ein Stein der einen Nazi trifft – das sind legitime Notwehrmaßnahmen zur Verhinderung zukünftiger Gewalt.

Wer sich aus Pazifismus heraus nicht gegen Naziangriffe verteidigen möchte, kann das tun, sollte sich aber nicht Menschen in den Weg stellen, die anderes vorhaben, die sich verteidigen. Sich öffentlichkeitswirksam von militanten Strategien zu distanzieren hilft der demokratischen Mehrheitsmeinung dabei, „Linksextremisten“ zu diffamieren und die Mitte der Gesellschaft gegen sie aufzuhetzen. Wird jedoch häufiger die Notwendigkeit von Radikalität und Militanz verständlich begründet, so könnte diese mehr Akzeptanz finden. Eine Linie ist aus anarchistischer Sicht jedoch dann überschritten, wenn Menschen, welche austauschbare Funktionär*innen des Systems sind, als Sündenböcke inszeniert und „eliminiert“ werden. Nicht nur finden sich hier Elemente der Entmenschlichung und des strukturellen Antisemitismus, „die da oben“, „eine kleine Gruppe von Kapitalisten und Politikern“ für das Übel der Welt verantwortlich zu machen ist schlicht verkürzt. Es bedarf hier einer ausführlicheren Analyse der herrschenden Verhältnisse. Entzieht den Wurzeln des Systems ihren Boden, anstatt einzelne Früchte zu entsorgen!

Ganz besonders in Zeiten von faschistoiden Angriffen, sei es durch Rechte und andere Rassist*innen oder durch den elenden selbsternannten Islamischen Staat, ist die Forderung nach Pazifismus eine Beleidigung für und Entsolidarisierung von allen Betroffenen und Kämpfenden.

Umgang mit Polizeigewalt

Nur äußerst selten distanzieren sich militantere Gruppen von pazifistischen, umgekehrt allerdings werden Ignoranz und Spaltung vermittelt, sich von Militanten distanziert, sie gegenüber der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit als den „richtigen“, vermeintlich reflektierten, Aktivist*innen nicht-zugehörig dargestellt. So wird sich den Erwartungen und Bedingungen staatlicher Institutionen angepasst. Des Weiteren behaupten Pazifist*innen nur zu gerne, dass Militante V-Leute/Agent Provocateure seien und sprechen somit militant Handelnden ihre Selbstbestimmung und ihr Empowerment ab. So mutig, radikal, militant könnten Linke nach dieser Logik nie sein… dann wimmelt es anscheinend überall vor V-Leuten, die mit Bezahlung Chaos stiften um so die unschuldigen, friedlichen, sich von (aus Gegenwehr notwendiger) Gegengewalt distanzierenden Pazifist*innen in Repressionssituationen bringen. Nicht etwa Staat und Polizei werden für Repression und Gewalt verantwortlich gesehen, sondern andere Linke (ach nee, alles V-Leute, wa?). So zum Beispiel in einem Bericht der APJ Köln über Blockupy, in dem sich beklagt wurde (im Vergleich zu Militanten) zu Unrecht Ziel von Polizeigewalt geworden zu sein. Eine weitere Strategie ist es, Militante als Demotouris oder Chaoten, als unpolitische Krawallmachende darzustellen. Das unterstellt einerseits in klassistischer und bildungschauvinistischer Manier Szene-externe Menschen als komplett unpolitisch dar, nur weil sie ihre Inhalte auf eine andere Art formulieren, als die linke Szene, spricht aber auch reflektiert handelnden theoriebasierten Linken die Fähigkeit ab, Militanz auszuüben.

Polizeigewalt sollte keine Überraschung für Anarchist*innen sein. Polizeigewalt besteht nicht als Trotzdem einer Demokratie, sondern existiert als inhärenter Teil demokratischer Herrschaft. Die Polizei ist nicht erst gewalttätig, wenn Schlagstöcke und Pfefferspray zum Einsatz kommen, auch das Handeln der Schreibtischtäter*innen bei dieser Behörde ist Gewalt, die Menschen ihrer Freiheit beraubt. Darüber hinaus findet leider häufig eine Entsolidarisierung von nicht-pazifistischen Anarchist*innen und deren Aktionsformen statt. Es ist wie ein Messerstich in den Rücken, zu lesen, dass Polizeigewalt bei militanten Aktionen ja gerechtfertigt weil provoziert sei, Angriffe auf die braven, friedlich protestierenden Pazifist*innen aber nicht legitim wären, weil diese ja keinen Anlass zur Notwehr böten. Diese Argumentation unterwirft sich auf reformistische Art und Weise der bürgerlich-juristischen Logik von Recht und Unrecht.

Anarchismus = Basisdemokratie?!

Die Annahme, Anarchismus sei Basisdemokratie, geht oft mit Pazifismus einher.
In einer Basisdemokratie sind vielleicht alle bei Entscheidungen anwesend und dürfen mit abstimmen, doch strukturelle Ungleichheiten und Dominanzverhältnisse werden dabei noch lange nicht abgeschafft. Alle bekommen die gleichen Chancen, dass jedoch unterschiedliche Chancen viel fairer sein könnten, weil eben alle Menschen gleichwertig, aber nicht gleich sind, wird dabei ignoriert. Selbst in der ‚radikalsten‘ Basisdemokratie können Patriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Ableismus,… weiter bestehen. Solange all diese Diskriminierungsmechanismen nicht überwunden sind, kann das Konsensprinzip nur eingeschränkt funktionieren, denn Dominanzverhältnisse wirken manipulativ. Basisdemokratie ist nicht Anarchie. Nicht alle sollen über alle Herrschen, sondern niemand über irgendwen. Wer Basisdemokratie als Ziel sierer Kämpfe und Aktivität ansieht, sollte dementsprechend fair sein, sich nicht als anarchistisch zu betiteln. Was Werbung für Basisdemokratische Positionen in anarchistischen Zeitungsprojekten zu suchen hat entbehrt jeder Logik.

Querfront gegen das System?

Durch basisdemokratische Positionen entsteht häufig eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit autoritären Gruppen. Die Kritik an Parteipolitik scheint so evident, dass sie zu wiederholen es nicht wert ist. Parteijugenden sind lediglich dienlich zur Finanzierung von Stickern, Zugtickets und anderen nützlichen Kleinigkeiten. Stellen sie in kleinen Orten ohne Squats Räume zur Verfügung, auch gut. Dienen sie Jugendlichen als Sprungbrett zur Radikalisierung, noch besser. Aber eine inhaltliche Zusammenarbeit kann nur zur Aufgabe der eigenen radikalen Ziele führen, eine gemeinsame Bewerbung von Veranstaltungen lenkt immer den Fokus auf die Partei, weil sie bereits größer und bekannter ist. Und nein, der Unterschied zwischen Parteijugend und Partei ist dabei nicht sonderlich groß. Wenn sich also eine anarchistische Gruppe aus dem Personenkreis einer Parteijugend heraus gründet, so sollte mit dem Radikalisierungsprozess auch eine deutliche inhaltliche und organisatorische Distanzierung von der Partei stattfinden. Doppelmitgliedschaften scheinen dennoch in einigen Städten die Regel zu sein. Auch bürgerliche Organisationen wie PETA, Greenpeace und Attac müssen aus anarchistischer Perspektive kritisiert werden, verstößt deren Politik doch gegen sämtliche anarchistische Ideale.

Mit autoritären Gruppen gemeint sind jedoch solche, die ihre Identitäten häufig über Personenkulte prägen und deren Organisationsstrukturen aus Kadern und Mitläufer*innen bestehen. Lenin, Mao, Stalin, Trotski, Scheisze! Sich als anarchistisch verstehende Einzelpersonen sind teilweise Mitglied in diesen Gruppen, häufig rufen anarchistische Gruppen zu Veranstaltungen von SDAJ, SAV, 3A-Bündnis und Co auf, oder machen mit ihnen Bündnisarbeit. Am Beginn der Politisierung mag dies zu verzeihen sein, denn wir alle befinden uns ständig in einem Lernprozess. Geht eine solche Kooperation jedoch von etablierten anarchistischen Gruppen in größeren Bündnissen aus, zeugt das entweder vom Missbrauch des Anarchismus-Begriffes oder von bewegungslinker Geschichtsvergessenheit.

Zuletzt besonders sichtbar auf Fotos vom Anti-G7 Camp: Anarchistische Gruppen neben dem stalinistischen 3A-Bündnis. Damit möchten wir den Ablauf vor Ort, von dem wir nichts mitbekommen haben, nicht kritisieren, dennoch hätte der anarchistische Aufruf kritisch auf Aktionspartner*innen eingehen können, eine Begründung für die Zusammenarbeit liefern können, anstatt deren inhaltliche Dominanz bei den Protesten zu dulden. Hat er aber nicht. Der Aufruf des FdA gegen G7 mit seinen standardisierten Phrasen hätte genau so gut von Attac stammen können. Was hat dieser Eventtourismus noch mit Anarchismus zu tun? Von einigen der autoritären Gruppen, die in Elmau präsent waren, gingen in der Vergangenheit immer wieder Übergriffe mit antisemitischem Motiv auf libertäre Linke und Anarchist*innen aus, die massive körperliche Verletzungen nach sich trugen.
Des Weiteren ist es bezüglich des Nahostkonfliktes höchst inkonsequent, eine antinationale Neutralität zu behaupten und dann mit Gruppen zu arbeiten, die antiimperialistisch veranlagt sind und die Auslöschung Israels als Schutzraum für vom Antisemitismus verfolgte Menschen fordern, dabei gerne auch mit Hamas-Anhänger*innen und Neo-Nazis gemeinsam demonstrieren, wie im Sommer 2014 mal wieder offensichtlich wurde. (vgl: youtube.com/watch?v=GNqOzi5DxpE, publikative.org/2014/07/15/warum-nazis-mit-islamisten-gegen-israel-marschieren/)

Im Rahmen der Proteste gegen Pegida hat eine anarcho-pazifistische Gruppe aus Köln die Spaltung der duisburger Antifa-Szene kritisiert und für den Erfolg von Pegida verantwortlich erklärt. Diese Sicht blendet die Gründe für die Spaltungen aus: Die rote Antifa NRW ist in Vergangenheit vermehrt durch sexistische und antisemitische Übergriffe aufgefallen, hat vermeintliche „Antideutsche“ körperlich angegriffen und durch eben diese Gründe Hausverbot im AZ Mülheim. Mit stalinistischen (oder auch nur leninistischen) Schläger*innen gegen Rechte? Nein danke. Eine solche Querfront ist nicht nur naiv, sondern gefährlich. Nachdem es massive innerlinke Gewalt gab, ja sogar vermeintliche „Antideutsche“ gegenüber Neonazis geoutet und Informationen über sie an diese weitergegeben wurden, ist eine Spaltung nur zu gut nachzuvollziehen. Mal Utopisch gedacht: Gewinnen libertäre und autoritäre Linke gemeinsam den Kampf gegen Staat, Kapital und rechte Strömungen ohne vorher ihre ideologischen Differenzen zu klären, so steht nach einem ersten Sieg die Auseinandersetzung zwischen autoritären und libertären Linken an und damit ein Hinweis auf die bereits erwähnte bewegungslinke Geschichtsvergessenheit.

Das Bewusstsein über die historischen Verbrechen der autoritären Linken am Anarchismus darf nicht vernachlässigt werden. Siehe zum Beispiel Spanischer Bürgerkrieg, Kronstadt, oder Griechenland aktuell. Dies wäre einen eigenen Artikel wert.

Anarchismus bedeutet Abwesenheit von Herrschaft bedeutet Abwesenheit von Staat bedeutet Abwesenheit von Parteipolitik, informellen Hierarchien und Diskriminierung.

Gruppen, die kontinuierlich mit einer Parteijugend zusammenarbeiten, Werbung für Parteiveranstaltungen machen, zu Veranstaltungen der autoritären Linken Aufrufen, ja sogar Kampagnenarbeit mit ihnen machen, sollten sich per Definition nicht anarchistisch nennen, schon gar nicht, wenn sie all das ohne Begründung oder Erklärung tun. Tun sie dies doch, so ist das eine Beleidigung für all die Anarchist*innen, die in den letzten dreihundert Jahren von ebensolchen ermordet wurden. Wie kann zu einer Kampagne mobilisiert werden, die ebenso auch stalinistische Gruppen betreiben, ohne sich inhaltlich von diesen zu distanzieren, ohne daran zu denken, was stalinistische Säuberungen für Anarchist*innen bedeuteten? Menschenverachtende Gruppen lassen sich nicht durch sporadische Bündnisarbeit reformieren.
Anarchist*innen sollten auch gegen Antisemitismus aktiv sein, anstatt mit holocaustrelativierenden Gruppen, wie PETA oder strukturell Antisemitischen Gruppen wie z.B. anti-TTIP Bündnissen zusammen zu arbeiten, bzw. Werbung für deren Veranstaltungen zu machen. In Köln beispielsweise hat die Gewerkschaft IG BCE in den vergangenen Jahren Neonazis zu ihren Demonstrationen für Braunkohle angekarrt, welche mit Sprüchen wie „Wer nicht hüpft der ist ein Jude“ sowie Bedrohungen gegenüber Aktivistx aus dem Hambacher Forst auffielen. Vor kurzem dann demonstrierten anarchistische Menschen gemeinsam mit dieser Gewerkschaft als es um ein anderes Thema ging. Dies wurde von mehreren anarchistischen Gruppen der Stadt beworben. Dazu kommt Zusammenarbeit mit der SAV. Wie kann sich eine Gruppe anarchistisch nennen und doch anscheinend widerspruchslos zu Demonstrationen einer trotzkistischen Sekte aufrufen, bei der sozial sanktioniert wird, wer nicht genügend Zeitungen verkauft und Anarchist*innen für Stammtischwitze herhalten müssen? Eine eindeutige Distanzierung ist hier mehr als Notwendig!

Einige unserer besten Freund*innen sind libertäre Kommunist*innen. Manchmal überlegen wir, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Anarchismus gegen die Vorwürfe von Theoriemangel, Aktionismus und verkürzten Forderungen in Schutz zu nehmen. Es gibt zwar wirklich emanzipatorische Anarchist*innen, die tatsächlich anarchistisch sind, doch diese scheinen derzeit eine Minderheit zu sein. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen politischen Strömung bleibt häufig aus. Der Kritik an Antisemitismus und Reformismus innerhalb der anarchistischen Bewegung ist argumentativ nichts mehr entgegenzusetzen, sie trifft zu. Denn Anarchismus ist ein Modebegriff geworden unter dem sich alles von Basisdemokratie bis Verschwörungstheorie tummelt. Oder? Beweist doch mit eurem Handeln das Gegenteil. Von gesellschaftsnahen Kampagnen wie minijob.cc, von anarchistischen Gesellschaftsanalysen oder von Konferenzen wie AFem2014 /London möchten wir mehr sehen.

Wir schließen uns der Forderung an, welche einige anarchistische Gruppen dieses Jahr bereits erneut äußerten:
Für den Bruch mit der autoritären Linken!

Leseempfehlung: „How nonviolence protects the state“ Peter Gelderloos beschreibt, warum gewaltfreie Aktion strategisch ungünstig, patriarchal, rassistisch und staatserhaltend ist.

Der Artikel ist ebenfalls hier veröffentlicht wurden: https://linksunten.indymedia.org/de/node/157508

Published @ Gǎi Dào

Unseren Bericht zum Anarcha-Feminismus Vortrag haben wir in der Gǎi Dào veröffentlicht. Hier findet ihr die Ausgabe zum Download.

Support your local anarcha-feminists!

    Anarcha-Feminismus: radikal – queer – intersektional1!

Im Rahmen der libertären Wochen in Köln haben einige Frauen*2 auf Anfrage der organisierenden Gruppen am 06.Juni 2015 im SSK Ehrenfeld einen Vortrag zum Thema Anarcha-Feminismus gehalten.

Zu Beginn zeigten wir ein Interview mit Anarcha-Feministinnen aus Mexiko3. In diesem werden vor allem weltweite Parallelen der Schwierigkeiten deutlich, die FrauenLesbenTransInter* (FLTI*) innerhalb anarchistischer Bewegungen erleben. Auch geht es um die Stigmatisierung von Abtreibungen trotz deren eigentlicher Legalisierung, um Organisationsformen, sowie die besondere Thematik der Feminizide4, frauenfeindlicher Morde.

Danach fassten wir kurz die historische Entwicklung des Feminismus zusammen um eine anarchistische Kritik daran deutlicher werden zu lassen und Themeneinsteiger_innen einen Überblick über Feminismus im Allgemeinen zu geben.

Da war doch was mit drei Wellen, oder? Nä, finden wir nicht gut. Die Einteilung des Feminismus in Wellen ist nicht nur durch zeitliche Überschneidungen und Uneindeutigkeiten ungünstig, sondern konzentriert sich auch auf weißen5 Feminismus. Dadurch werden andere Feminismen unsichtbar gemacht und verschwiegen. Ein aktuellerer Ansatz ist der No-Wave Feminism, die Ablehnung gegenüber der historischen Einteilung von Feminismus in Wellen, geprägt insbesondere durch indigene Feminist_innen. Vielleicht gibt es ja Leser_innen, die sich damit besser auskennen, oder Lust haben, zu recherchieren und für die folgenden Ausgaben einen tiefer gehenden Artikel darüber zu verfassen. Unter Anderem stellen sich die Fragen, welche Inhalte historisch überhaupt überliefert werden und wer die Geschichte schreibt. Denn Frauen*, die sich gegen ihre Unterdrückung gewehrt haben gab es schon immer und überall.

Wichtige Strömungen und Personen des Feminismus:
14. bis 18. Jahrhundert: Christine de Pizan, Marie de Gournay, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft, Abigail Adams, Hedwig Dohm und wahrscheinlich einige mehr.
19. Jahrhundert: bürgerlich-liberale Frauenbewegung, Forderung von Gleichstellung privilegierter Frauen mit privilegierten Männern (z.B. Wahlrecht für reiche weiße Frauen)
ab 1960er: „Das Private ist Politisch!“ – Radikalfeminismus, Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus, Ökofeminismus, sozialistischer Feminismus, postkoloniale Feminismen: Black Feminism, Chicana Feminism, Indigenious Feminism, …
ab 1990er: (De-)Konstruktivismus und Queer-Theory, auch bürgerlich-liberaler Postfeminismus

    Musik feministischer Raperinnen aus Afghanistan
    spielten wir zwischen den einzelnen thematischen Blöcken ab:

Paradis6 macht trotz vielfacher Bedrohungen weiter mit ihrer Musik. Sie ist bei Frauenorganisationen und -aktivist_innen in Afghanistan sehr beliebt. Trotz aller Gefahren organisiert sie gemeinsam mit ihrem iranischen Verlobten weiterhin Konzerte, die ihre einzige Einkommensquelle sind. Sie singt über die Situation von Frauen* in der Gesellschaft. „Wir dürfen keine Träume haben, weil wir Frauen* sind, werden mit Säure attackiert, im Namen des Islam“

Ghogha (Bedeutung: Rebell_in) ist eine persische Sängerin, die bereits mit verschiedenen Gruppen zusammengearbeitet hat und interessiert ist, mit vielen verschiedenen Genres zu experimentieren. Ihre Texte drehen sich um Krieg, Gnostizismus, die Unterwerfung der Erde durch die Menschen und weitere soziale und philosophische Themen. Nach dem Weltfrieden strebend liebt sie Poesie und poetischen Rap, macht unkommerzielle Untergrundmusik. Ihre Lyrics, so schreibt sie, sind härter als Hardcore! Gemeinsam mit Shaya veröffentlichte sie zum Beispiel das Lied Khiyaboon (Die Straße)7.

Soozan Firooz8 rappt ebenfalls über Frauenunterdrückung. „Wenn Frauen defekte Gehirne haben, tun das auch deine Ehefrau, deine Schwester, deine Mutter // Du schämst dich nie für deine Untreue, aber wenn ich meine Stimme erhebe, schneidest du mir die Zunge ab // Ich bin nicht nur eine Frau, Ich bin auch ein Mensch“ Über sie wurde in der MTV-Reihe „Rebel Music“ berichtet.

    Warum der Feminismus den Anarchismus braucht
    Kritik am nicht-anarchistischen Feminismus

Im Feminismus gab und gibt es Eurozentrismus9 und Whitewashing („Weißwaschen“) der Geschichte, sowie rassistische Denkmuster und Stellvertretungspolitik. So ist beispielsweise Alice Schwarzer der Ansicht, dass Kopftuchträger_innen prinzipiell unterdrückt seien und keine Feminist_innen sein könnten, schlug auch schon Kopftuchverbote vor.

Das Fordern eines staatlichen/institutionellen Feminismus kann nur zu Reformen (z.B. Frauenquote in Führungspositionen), nie aber zur Abschaffung des Patriarchats führen, denn die Spaltung zwischen privilegierten und abgewerteten Gruppen ist staatserhaltend und dem Kapitalismus inhärent. So werden vermeintliche Geschlechterunterschiede, sowie Rassismus, genutzt, um Lohnungleichheiten zu rechtfertigen.

Zwar kann die Institutionalisierung, bzw. eine legale Art der Organisation, dabei hilfreich sein, Repression zu vermeiden. Auch das Ausnutzen staatlicher Gelder befürworten wir definitiv. Stichwort: Diversity of tactics. Reformen als Akuthilfe sind richtig und wichtig. Sich allein auf staatliche Institutionen zu verlassen wird jedoch nicht nur beim Thema Feminismus schwere Enttäuschung mit sich bringen. Bestenfalls nutzen Staaten ihre vermeintlich feministischen Werte, um nationale Interessen zu stärken. Häufig wird rassistische Hetze gegen weniger emanzipierte Länder verbreitet („In Europa gibt es doch schon gleiche Chancen für Frauen, daher müssen wir die wehrlosen unterdrückten Frauen im globalen Süden von den barbarischen Männern dort befreien!“) Deshalb ist eine anarchistische Sichtweise wichtig, um die langfristige Perspektive nicht zu vergessen und sich nicht mit reformistischen Maßnahmen befrieden zu lassen. Das Patriarchat abschaffen, anstatt es nur erträglicher zu machen!

Weitere Probleme einiger Feminismen sind Sexarbeiter_innenfeindlichkeit, Ignoranz gegenüber A*sexualität, Homophobie, Biphobie, Trans*- und Inter*phobie. Manche Feministinnen weiger(te)n sich, anzuerkennen, dass das biologische Geschlecht genau so eine Konstruktion ist, wie das soziale. Mit dieser Argumentation wird insbesondere Transfrauen ihre Weiblichkeit abgesprochen (das nennt sich Transmisogynie). Oft werden auch Genitalien mit Geschlechtern gleichgesetzt und ignoriert, dass Sexismus eine Ideologie ist, die nichts mit Körperteilen oder Hormonen, sondern mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat. Ein historisches Beispiel hierfür ist die Riot Grrrl Bewegung: Trotz vieler wichtiger empowernder Aspekte wurden auf einigen Festivals Transfrauen ihre Auftritte, ja sogar der Zutritt als Zuschauerinnen verboten.

    Warum der Anarchismus den Feminismus braucht
    Was ist anarcha-Feminismus?

Eigentlich ist Anarchismus doch eine Philosophie, die sich gegen jede Hierarchie ausspricht und sollte damit inhärent feministisch sein, oder nicht? Sollte. Wie bereits im Bericht zur AFem Konferenz in London 2014 (siehe Gaidao No 52) erwähnt, ist er das jedoch nicht. Die anarchistische Bewegung ist in weiten Teilen nicht wirklich anarchistisch. Wie im sozialistischen Feminismus werden Patriarchat, cis-Sexismus10, hetero-Sexismus und Misogynie (Frauen-feindlichkeit) als Nebenwidersprüche betrachtet, die sich in Luft auflösen würden, wenn nur Staat und Kapitalismus abgeschafft wären. Auch wir wollen das nicht hinnehmen, sondern ändern! Anarchismus und Feminismus sollten als gleichwertige Theorien betrachtet und gelebt werden, und auch Rassismus und Antisemitismus sind nicht Nebenwidersprüche, sondern Hauptbestandteile von herrschenden Macht-asymetrien.

Die klassischen männlichen Anarchisten, deren Namen wir nicht mehr nennen wollen, weil sie schon so oft genannt wurden, vergaßen oft den weiblichen Blickwinkel und beschränkten ihre Theorie und Aktivität auf Ökonomie und Staat, klammerten jedoch ihr Privatleben aus – bis hin zu aktiven Weigerungen, die „Frauenfrage“ in ihre Praxis einzubeziehen.

Anarcha-Feminismus soll also eine Mahnung sein, die radikale Bedeutung des Anarchismus in all ihren Aspekten umzusetzen, die anarchistische Theorie nicht als abgeschlossen zu sehen, sondern immer weiter zu entwickeln. Mit ihrer Weigerung, FLTI* – spezifische Forderungen getrennt von libertärer Theorie zu fassen, waren Anarcha-Feminist_innen historisch einzigartig. Deshalb wurden und werden sie innerhalb der Frauenbewegung und auch innerhalb der anarchistischen Bewegung ausgegrenzt.

Der Ansatz der Total Liberation11 (totale Befreiung), ursprünglich in der Tierbefreiungsbewegung geprägt, lässt sich gut auf den Anarcha-Feminismus übertragen: None are free, until all are free! Solange noch irgendwer unterdrückt wird, können potentiell alle unterdrückt werden. Alle Befreiungskämpfe sind wichtig und sollten sich solidarisch auf Augenhöhe unterstützen. Das meint nicht, dass möglichst viele Unterdrückte sich den friedlichen Protesten weißer cis-geschlechtlicher heterosexueller Mittelschichtsfeministinnen anschließen sollen, sondern dass insbesondere das Einbeziehen von queeren und postkolonialen Perspektiven und Kämpfen in Theorie und Praxis wichtig ist. Dazu gehört, dass vergleichsweise weniger marginalisierte Stimmen diejenigen der Subalternen12, der weniger hegemonialen13, verstärken und in den Fokus rücken, dass sie mit ihnen anstatt über sie sprechen. Bei der Aktivität gegen Diskriminierung gilt es, ebenfalls zu reflektieren, wie mensch selbst eventuell zu Diskriminierungen beiträgt oder davon profitiert.

Feministische Selbstkritik sowie Solidarität zu all den FLTI*, welche sich alltäglich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzten müssen, ohne sich dabei „poltisch/links/anarchistisch/feministisch“ zu nennen, sind bedeutend. Es gibt auch nicht ein Themengebiet des Anarchismus, das am wichtigsten wäre, sondern alle Stömungen sollten gleichwertig zusammenwirken und sich gegenseitig solidarisch unterstützen.

Schon mal als „Manarchist“ bezeichnet worden? Das ist ein Begriff von Anarcha-Feminist_innen für männliche Anarchisten, die respektlos mit feministischen Belangen umgehen, aktiv antifeministisch handeln oder auf andere Art unreflektiert das Patriarchat reproduzieren. Dazu empfiehlt sich der Fragebogen „Are you a manarchist?“14. In Gruppen kann dieses Phänomen mit ähnlichen Umfragen verdeutlicht werden. Fragt euch doch mal, wer schon mal Küfa gekocht hat, wer schon mal einen Redebeitrag gehalten hat, wer schon mal in einer politischen Gruppe mit mindestens 50% FLTI* gearbeitet hat, welches Geschlecht in Plena und Diskussionen die höchsten Redeanteile hat.

    Wer war und ist alles anarcha-feministisch?

Bei unserer Recherche ist uns besonders aufgefallen: nicht alle anarchistischen Feminist_innen sind oder waren explizit Teil der anarcha-feminstischen Strömung. Wir lehnen es ab, das Label als Fremdbezeichnung zu nutzen. Dies erwies sich als schwierig, denn bei einigen in Listen unserer Quellen aufgeführten Frauen*, konnten wir keine Hinweise darauf finden, dass sie Anarcha-Feminismus auch als Selbstbezeichnung nutzten. So prägte beispielsweise Voltarine de Cleyre eher den Anarchismus ohne Adjektive. Der syndikalistische Frauenbund sah es als eine seiner Aufgaben, Frauen für den Syndikalismus zu agitieren – darin zeigt sich wiederum das Nebenwiderspruchs-denken, dass von Anarcha-Feminist_innen abgelehnt wird. Bei der folgenden Auswahl gilt also zu beachten, dass eine wesentlich ausführlichere Recherche an manchen Stellen notwendig gewesen wäre (besserer Zugang zu Originalquellen, mehr Zeit). Da dies nicht der erste Vortrag zu diesem Thema in Köln war, versuchten wir vorher, über weniger bekannte Menschen und Gruppen zu recherchieren, damit auch Themenerfahrene vielleicht noch etwas neues mitnehmen können.

Schließlich haben wir vorgetragen über:
Louise Michel (1830-1905, Pariser Commune)
André Léo (1824-1900, ebenso)
La Voz de La Mujer (ab 1896, Zeitung, Argentinien)
He Zhen (1884-1920, China/Japan)
Theresa Claramunt (1862-1932, Spanien, eher Syndikalistin)
Emma Goldman (1869-1940, überwiegend USA)
Mujeres Libres (spanischer Bürgerkrieg, Widerstand geg. Franco, Neugründung 1976)
Mujeres Creando (seit 1992, Bolivien)

Um die detaillierten Inhalte und Lebensläufe der oben genannten soll es in diesem Artikel nicht gehen, denn sie lassen sich auf diversen Websites nachlesen. Anarchopedia, Anarchismus.at, Infoshop.org, Libcom.org, sowie ein Zine der AG Anarchafeminismus der libertären Aktion W‘Thur dienten uns zur Recherche. Zur allgemeinen Geschichte feministischer Bewegungen gibt es ebenfalls zahlreiche Bücher, schaut mal, was eure lokalen Infoläden so bereithalten.

Dass zu wenig Raum für Diskussion blieb, bzw. gegeben wurde, ist ein Kritikpunkt an manchen anderen Veranstaltungen der libertären Wochen. Deshalb haben wir am Ende ein weiteres Interview mit Anarcha-Feministinnen aus Bolivien15 zugunsten der Diskussionszeit nicht mehr gezeigt. In diesem Video waren besonders interessant das Thema Landrechte und Landgrabbing, die Idee traditionelles Wissen über Geburten abseits der institutionalisierten Medizin weiterzutragen, aber auch die Kritik an weißem Anarchismus (sinngemäßes Zitat: „Wir sind nicht Anarchistinnen geworden durch Bakunin oder die CNT, eher durch unsere Großmütter und das ist eine schöne Art des Anarchismus“). Leider haben wir es vor der Veranstaltung nicht geschafft, die spanischsprachigen Videos mit Englischen Untertiteln noch ins Deutsche zu übersetzen, hätten daher vor Ort eine spontane Flüsterübersetzung angeboten, falls es notwendig gewesen wäre.

    Diskussion und Fazit

Die anfängliche Enttäuschung über vergleichsweise wenige Besucher_innen wurde durch eine wunderschöne und empowernde Diskussion am Schluss wieder ausgeglichen. Wir tauschten uns aus über eigene Erfahrungen in der linken- und anarchistischen Szene, über Mangel an Solidarität, alltäglichen Sexismus, Betroffenheit und Täterschaft und versuchten gemeinsam immer wiederkehrende Reaktionen von cis-Männern* auf (anarcha-)Feminismus zu analysieren. Weiter ging es um die unterschiedlichen Voraussetzungen, die anarcha-Feminist_innen in verschiedenen Regionen erleben, auch um aktuelle Proteste gegen Gewalt gegen FLTI* in der Türkei und um Kritik an bürgerlichen sozialen Bewegungen in Deutschland. Eine weitere Frage war die, ob Anarchismus heute eher als Theorie genutzt wird und nicht doch Teil von Sozialisation sein sollte.

Uns fiel auf, dass nur ein cis-Mann* zur Veranstaltung gekommen ist, während doch einige der cis-Männer* aus den organisierenden Gruppen es notwendig hätten, ihren eigenen Sexismus zu hinterfragen und sich solidarisch mit feministischen Kämpfen zu zeigen. Ob dies nur am gleichzeitig stattfindenden G7-Gipfel lag ist fragwürdig. In Zukunft würden wir uns über mehr praktische Solidarität von männlichen Anarchisten wenn es um feministische Themen geht freuen. Denn ansonsten bleibt die Befürchtung, dass sich die organisierenden Gruppen am Ende nur mit unserer Arbeit und unserem Feminismus schmücken, bzw. diesen Vortrag als Alibi gegen mögliche Sexismusvorwürfe nutzen könnten.

Heute gibt es zahlreiche anarcha-feministische Gruppen, Projekte und Einzelpersonen – auch außerhalb von Nordamerika und Mitteleuropa. Diese machen jedoch nur einen kleinen Teil sozialer Bewegungen aus und es mangelt an öffentlicher Repräsentation und Rezeption. Selbstbilder als Teil von queerer oder autonomer Szene scheinen eher „in Mode“ zu sein, als der Begriff des anarcha-Feminismus. Trotzdem findet theoretische Auseinandersetzung in der Blogosphäre, Essays, Zines, Zeitschriften, bei Festivals, Versammlungen und Kongressen statt. Immernoch sind praktische und radikale Kritik an anarchistischer und feministischer Bewegung notwendig und mögen angesichts zunehmender Vereinzelung und Isolation von Anarcha-Feministinnen mühsam und fruchtlos scheinen. Doch wir sind viele, wir sind überall, wir müssen uns nur vernetzen.

Bildet viele solidarische anarcha-feministische Banden!

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Das gender gap „_“ soll dazu dienen, nicht nur Frauen*, sondern auch alle, die sich jenseits der Zweigeschlechtlichkeit verorten, sprachlich einzubeziehen. Nieder mit dem generischen Maskulinum!
1) Intersektionalität: beschreibt die Überschneidung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale in einer Person, wodurch Mehrfachdiskriminierung entseht, insbesondere Sexismus und Rassismus bei Schwarzen Frauen*, Begriff geprägt durch Kimberlé Crenshaw in den Postcolonial Studies. Diese Überschneidungen gilt es in feministischer Analyse und Kritik sichtbar zu machen. Weitere Diskriminierungskategorien: Körperliche Befähigung, Klasse etc.
2) Frauen*: Wir gehen davon aus, dass Geschlechter soziale Konstrukte sind, daher das Sternchen, und lehnen die Einteilung von Menschen anhand dieser Konstrukte ab. Trotzdem hat unsere Zuweisung von „weiblich“ bei der Geburt, unsere Sozialisation in der Rolle von Frauen*, eine reale Auswirkung auf unser Leben.
3) Interview Mexiko: youtube.com/watch?v=tYrAe1VEIdM
4) Feminizide: http://jungle-world.com/artikel/2010/13/40648.html
5) weiß: auch „race“ ist eine soziales Konstrukt nach dem Menschen eingeteilt werden, dies soll durch die kursive Schrift gekennzeichnet werden. Dabei geht es aber nicht nur um Hautfarbe, sondern auch um die Privilegien, die durch die gesellschaftliche Wertung verschiedener vermeintlicher Herkunft entstehen. „Rasse“ ist im deutschen ein besonders negativ besetzter Begriff, der nun wirklich mal aus dem Vokabular verschwinden könnte. Da auch die zugehörigen Analysetheorien den englischsprachigen Postcolonial Studies entspringen, empfiehlt sich die Übernahme des englischen Begriffes „race“.
6) Paradies: youtube.com/watch?v=MImAAOGxO-o
7) Shaya & Gogha: youtube.com/watch?v=hu1cV8Ilq8k
8) Soozan Firooz: youtube.com/watch?v=qrLhtFh3a1Y
9) Eurozentrismus: Sich auf Europa konzentrieren und den globalen Süden ignorieren/abwerten, besonders wenn es um Geschichte geht, auch: europäische Werte und Normen als Bewertungsstandard für die ganze Welt nutzen.
10) cis: nicht trans*; cis bedeutet, sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht weitestgehend zu identifizieren.
11) Total Liberation: indyvegan.org/total-liberation-interview-1-berta/
12) Subalterne: Dieser Begriff der Postcolonial- und Subaltern Studies beschreibt Menschen, die sozial, politisch und geographisch außerhalb der hegemonialen Position stehen und denen die Handlungsmacht (Agency) abgesprochen wird, die also z.B. negativ von Kolonialismus betroffen sind.
13) Hegemonie: Vorherrschaft, Vormachtstellung; muss praktisch und im Diskurs immer neu produziert, bzw. erhalten, werden, Begriff nach Foucault.
14) Manarchism Umfrage: anarcha.org/sallydarity/AreyouaManarchist.htm (englisch)
15) Interview Bolivien: youtube.com/watch?v=R_FTZvMScLo

Not our comrades

Lifo Reader zum 1.Mai

Endlich ist der Reader mit allen Aurufen zur libertären 1.Mai Demo in Bonn online.
Hier könnt ihr ihn lesen.

Warum uns eine libertäre 1.Mai Demo wichtig ist

Unser Aufruf zur Libertären 1.Mai Demo in Bonn

Den feministischen Aufruf findet ihr hier. Mehr Infos, sowie Berichte der letzten Jahre, findet ihr beim Libertären Forum Bonn.

Weil wir glauben, dass eine bessere Welt möglich und erreichbar ist, möchten wir gemeinsam mit euch unsere Wut über die herrschenden Verhältnisse auf die Straße tragen, uns mit euch vernetzen und utopische Perspektiven entwickeln. Der 1. Mai ist ein wichtiger Tag zur Erinnerung an voran-gegangene Revolten – lasst uns kreativ an diese anknüpfen, nicht nur heute, sondern an allen Tagen!

Damit die Praxis den eigenen Ansprüchen genügt, möchten wir als Politladen besonders betonen, dass Theorie weder grau und staubig, noch trocken und langweilig sein muss, sondern ein wichtiges Mittel ist. Gegen das HERRschende System? Na klar! Aber warum? Wie? Und für was? Genau diese Fragen möchten wir reflektieren, um nicht in reaktionären oder verkürzten Aktionismus zu verfallen.

Ihr findet uns im Autonomen Zentrum Köln für Kunst, Kultur und Politik. Letzteres kommt unserer Meinung nach im Alltagstrott des AZ meistens zu kurz, weswegen wir uns der Verwaltung und Aktualisierung des angesammelten Politmaterials verschrieben haben. Wir, ein kleiner Haufen Leute, versuchen, wieder mehr politische Inhalte ins AZ zu bringen.
2014 haben wir eine Veranstaltungsreihe zum Thema Antispeziesismus organisiert, 2015 wird u.A. eine feministische Filmreihe folgen. Dabei erhoffen wir uns fortlaufende Diskussionen, die uns einander näher bringen, die Raum zur Vernetzung bieten, um praktische Solidarität zu erleben und um die Ohnmacht angesichts des Systems gemeinsam zu durchbrechen – für das gute Leben in der befreiten Gesellschaft!

Bildet euch, bildet Banden!
Politladen Köln

Im folgenden teilen wir mit euch noch einige leicht überarbeitete Ausschnitte, aus dem Aufruf zu Sozialrevolutionären Aktivitäten rund um den 1. Mai in Köln! den die inzwischen inaktive Anarchistische Gruppe Köln 2012 veröffentlicht hat.

Gegen Herrschaft und Kapitalismus
Jeden Morgen früh aufstehen, jeden Morgen den selben Weg, jeden Tag die selben Gesichter, jeden Tag die selbe Scheiße, immer wieder – Monotonie! Und das alles um Dinge zu tun, die dich nicht erfüllen und die du nur machst, um dir Essen kaufen zu können, die Miete zu bezahlen und nicht aus den Normen zufallen. Egal ob du arbeitest, eine Ausbildung machst, studierst oder regelmäßig zum Arbeitsamt gehst, wir sind alle in der selben Situation und wir ALLE halten das System aufrecht. Deshalb muss es darum gehen aus dieser Systematik auszubrechen. Jeder und Jede ist wichtig auf dem Weg zur sozialen Revolution.

„Nicht dem Parlament vertrauen, auf Widerstand von unten bauen!“

In der heutigen Zeit fangen wieder viele Menschen an sich zu politisieren, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und ihre Lebensbedingungen zu erhalten/verbessern. An aktuellen Beispielen ist zu beobachten, dass zwar viele Menschen auf die Straße gehen, der Funken der Proteste jedoch sehr schnell erlischt. Das liegt daran, dass ein großer Teil dieser Menschen fremdorganisiert wird, anstatt sich selbst zu organisieren. Hierarchisch strukturierte Gruppen, Parteien und Gewerkschaften planen die Bürgerproteste, womit sie die Unzufriedenheit der Menschen und die Art wie sie diese äußern, kontrollieren. Das bedeutet für uns, dass bürgerliche Proteste allenfalls reformistische Veränderungen erzielen können, wodurch aber nie die eigentliche Ursache der Probleme behoben wird. Das Problem sind nicht einzelne Gesetze oder Politiker, sondern das gesamte System des Kapitalismus. Hierarchisch organisierte Gruppen, Parteien und Gewerkschaften verhindern seit Jahrhunderten die Selbstverwaltung der Menschen und sind damit reaktionär. Vor allem der DGB zeichnete sich in den letzten Jahrzehnten dadurch aus, dass er durch seine sozialpartnerschaftlichen Aktivitäten den kämpferischen Teil der Arbeiter_innenbewegung befriedete. Zeitgleich bekämpfte er jede Art von Basisgewerkschaften. Der DGB ist Erhalter des sozialen Friedens mit dem System und jede „kämpferische“ Rede, jeder Warnstreik und jede Verhandlung mit den Bossen sind unterm Strich nicht mehr als Medienereignisse. Dabei geht der systemische Widerspruch zwischen Arbeiter und Kapitalist zwischen Standortdenken, Konkurrenzfähigkeit und dem Wedeln von National-flaggen unter.

Leider sieht die Situation in der deutschen Linken auch nicht so rosig aus. Man könnte auch sagen: beschissen! Autoritäre Strukturen sind auch hier weit verbreitet. Von uns organisierte Proteste bleiben überschaubar. Gleichzeitig vernachlässigen wir unsere Beteiligung an breiter aufgestellten Aktionen.
Raus aus dem Szenesumpf! Nur weil wir glauben die Welt zu verstehen, sind wir nicht besser als die Menschen außerhalb der Bewegung und sollten darum auch mit ihnen zusammen unsere Kämpfe führen. Verbreitet eure Fähigkeiten, Ideen und Träume nicht nur unter euch, sondern unter allen Menschen und lernt auch von ihnen.

Für internationale / antinationale Kämpfe
Kapitalismus heißt Krise: Auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum geben. Krisen sind somit keine irregulären Notstände, sondern normaler Teil des Systems. Das verheerende Elend der Krisenzeiten bedenkend, sollten wir dafür sorgen, dass es zukünftig keine weiteren Krisen mehr geben kann, indem der Kapitalismus und das Leid, dass er zu jeder Zeit hervorbringt, endet. Egal ob in Ägypten, bei den militanten Arbeiter_innen am Suezkanal, die wilde Streiks und Besetzungen organisierten oder in Chile, wo Schüler_innen und Studierende mit Steinen gegen paramilitärische Carabineries kämpfen, welche die Bildungsgesetze aus der Zeit der faschistischen Militärdiktatur schützen, oder bei den Arbeiter_innen im Herzen Chinas, die ihre Fabriken besetzen, um aus ihrem elenden Leben auszubrechen. Wir sind nicht allein! Wenn du dich umdrehst, siehst du nur den tristen Alltag vor dir. Aber wenn du darüber hinaus schaust, siehst du überall auf dieser Welt Menschen, die aus ihrem Alltag ausbrechen. Unser Kampf muss nicht durch Grenzen von Nationen isoliert sein. Wir sind viele und wir sind überall.

Wir sind nicht die letzte Generation, für das freie Leben!

Flyer zur 1.Mai Demo in Bonn